manifest

Über die Photographie

Oder „Meine Sicht der Dinge“

Einem Hobby einen philosophischen Hintergrund zu verleihen ist eine komplexe Geschichte. Wie alle Freizeitbeschäftigungen ist auch die Photographie für viele ihrer Anhänger und mich genauso ein Mittel zur Entspannung. Sicherlich eine eigenwillige Form von Entspannung, denn die Suche nach dem „perfekten Bild“ kann je nach bevorzugtem Metier sehr anstrengend sein. Ob man nun tagelang ein Vogelnest durch den Sucher seiner Kamera beobachtet oder sich beim Erkunden der schönsten Architekturperspektive auf dem Boden krauchend zum Blickfang für unbeteiligte Passanten macht, es ist für den ambitionierten Amateurphotographen ein Steckenpferdchen das Opfer verlangt.
Das fängt schon beim Equipment an. Müssen sich Technikfetishisten doch immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, sie konzentrieren sich vielmehr um ihre Ausrüstung als deren Zweck, muss man sich doch eingestehen dass mit der Zeit die Ansprüche an die Technik sowie der Wunsch nach Aufrüstung wachsen. Natürlich kann man mit dem nötigen Talent und einem gelochten Pappkarton schon Photos machen, die den Betrachter pures Staunen abfordern. Die „camera obscura“, zu deutsch „dunkler Raum“, ist der Urahn aller modernen Kameras und in ihrer einfachen Konstruktion aber umständlichen Handhabung nur noch für echte Puristen.
Die Evolution der Kameratechnik hat inzwischen Geräte hervorgebracht, die sofern man sie sich leisten kann, eigentlich keine Wünsche mehr offen lassen dürften. Robuste Gehäuse, zuverlässige Mechaniken, präzise Belichtungsmesser und schnelle Autofokustechniken sowie lichtstarke Optiken mit ordentlichen Abbildungsleistungen.
Ich erinnere mich noch an meine erste Kamera, die ich noch während meiner Grundschulzeit bekommen habe. Es war ein streichholzschachtelgroßes Plasteteil mit feststehender Linse, Rahmensucher und keinerlei Möglichkeiten Einstellungen an Blende oder Belichtungszeit vorzunehmen. Nur ein Rädchen zum Spulen des Kassettenfilms und einem Auslöser der überwiegend klemmte. Trotzdem mochte ich diese Kamera wenngleich ich heute nicht einmal mehr Bilder von ihr habe. Machen wir einen kleinen Zeitsprung bis in die 7. Klasse. Ein Schüleraustausch mit einer französischen Partnerschule führte uns für eine Woche ins Elsass. Natürlich konnte ich dort nicht ohne Kamera mitfahren und so vermachten mir meine Großeltern eine Zoomlinsen Sucherkamera von Olympus. Damit habe ich während der Reise mein erstes Photo gemacht, dass es wert war in einem größeren Format gerahmt an die Wand gehangen zu werden. Meine Leidenschaft für die Photographie war geboren und zu meinem 18. Geburtstag kam das erste Upgrade auf bessere Phototechnik. Eine Nikon F65 SLR mit zwei Zoomobjektiven. Schon rein optisch machte die, für meine damaligen Begriffe, recht große Kamera etwas her und meine verschiedenen Experimente mit allerlei Filmmaterialien trugen schon Früchte. Viel wichtiger aber war das autodidaktische Erlernen des Umgangs mit Kameras. Der Einfluss von Blenden, Belichtungszeiten und optischen Gesetzmäßigkeiten im Allgemeinen sind essentielles Handwerkszeug. Sich im Vorfeld theoretisch damit auseinanderzusetzen ist zwar empfehlenswert, aber die praktische Anwendung damit all das in Fleisch und Blut übergeht ist unerlässlich. Nur so kann man irgendwann abschätzen wie ein Motiv auf dem fertigen Bild aussieht. Der Zufall und ein funktionierender Automatikmodus sind zwar eine feine Sache, aber gezielt zu arbeiten, das ist wirklich Kunst. Um den Bogen zurück zur Bedeutung des Equipments zu finden, der Wunsch nach komfortableren Einstellungsmöglichkeiten und Arbeitshilfen und höherwertige Techniken welche in Grenzsituationen noch zuverlässig arbeiten, lassen einen schnell nach neueren, vermeintlich besseren aber vor allem teureren Geräten schauen. Meinen Einstieg in die teure digitale SLR Photographie habe ich mir buchstäblich vom Munde abgespart. Ein Schritt den ich aber nicht bereue, denn der Nutzen hat die Kosten schon lange gerechtfertigt. Seien die Ergebnisse nicht automatisch besser, der Spaßfaktor und die Euphorie sind gewachsen.

Aber warum tue ich mir das nun alles an? Ein Großteil meines Geldes in Dinge zu stecken die direkt und indirekt mit der Photographie verbunden sind, Zeit investieren und trotz witterungsbedingter Widrigkeiten die Welt durch einen Sucher beobachten. Eine gewisse Portion Masochismus wird wohl dazu gehören. Aber sie beweist doch eine Zuneigung zu visueller Ästhetik. Eine Photographie kann, abgesehen von Erinnerungszwecken, aus vielerlei Gründen entstehen.
Der Kunst zuliebe: Ich habe einmal die Kuratorin einer Photoausstellung sinngemäß sagen hören, die Photographie sei die „Paralympics der Malerei“. Sie hat das natürlich mit der nötigen Portion Ironie gesagt. Bedeuten sollte es dass die Photographie aus technischer Sicht eine einfacher zu beherrschende Form der Kunst ist. Aber auch wie die Handhabung des Pinsels noch keinen Meister der Malerei macht, sind die technischen Fähigkeiten eines Photographen nur das Mittel zum Zweck. Die Wahl des Ausschnittes eines Motivs oder dessen Inszenierung, abwarten oder erzeugen von Lichtverhältnissen, Einstellen von Schärfepunkten und Verläufen mit den Mitteln der Optik sowie visuelle Akzente durch Farbgebung und „gezielte Fehlbelichtungen“. All das sind zwangsläufige Formen der Abstraktion und die Kunst ein ansprechendes Bild zu erzeugen. Dabei sind die vielfältigen Möglichkeiten der analogen und digitalen Nachbearbeitung und auch die Formen der Präsentation noch nicht einmal berücksichtigt.
Der Wahrheit zuliebe: Neben dem Wunsch ein rein ästhetisches Abbild realer Formen zu finden, gibt es auch Photographen die sich der Dokumentation verpflichtet fühlen. Man denke da nur an berühmte Kriegsphotographen die mit ihren eindringlichen Momentaufnahmen erschreckender Szenerien dem eigentlich nicht mittelbar betroffenen Betrachter ein Bild zu vermitteln. Eigentlich kann man auch nicht von uneingeschränkter Wahrheitssuche sprechen, denn die „Einschränkungen“ der Photographie, nämlich nur einen zweidimensionalen Ausschnitt aus der Wirklichkeit zu präsentieren, sowie dem Zweck, den ein Photograph verfolgt, sind individuell und die Sichtweisen subjektiv.
Was Photographen und Betrachter als ästhetisch empfinden ist natürlich auch sehr verschieden. Zum Glück. Die Idylle einer toskanischen Landschaft oder vom Rost zerfressene Industrieanlagen, die Geschmeidigkeit einer jungen Ballerina oder die von den Jahrzehnten geprägten Portraits älterer Menschen usw.; die Spektren sind beinahe unendlich. Was aber schlussendlich ein Bild wirklich Interessant macht, ist nur bedingt mit festen Gesetzmäßigkeiten erklärbar. Das finale Quäntchen, das was ein Bild mit dem „Wow!-Effekt“ versieht, ist beinahe so unerklärbar wie das Lächeln der Mona Lisa. Es gibt auch Bilder die unter völliger Missachtung der etablierten Gestaltungsmittel und der technischen Ausführung vermögen einen mitzureißen. Das passiert aber auch nur zufällig. Vielmehr ist es die Fähigkeit des Photographen zu Beobachten, abzuwarten auf den inneren Impuls der einen im richtigen Moment auslösen lässt. Manchen ist dies als Talent gegeben, andere wiederum lernen es über Jahre, und dann gibt es auch noch diejenigen die trotz teurem Equipment und Know-how zwar ein ordentliches Handwerk betreiben, aber wohl nie Bilder wie die eines Henry Cartier Bresson oder eines Helmut Newton schießen werden. Ich hoffe natürlich dass ich nicht dazu zähle, aber ein solches Urteil kann ich mir über mich selbstverständlich nicht erlauben. Das soll der geneigte Zuschauer tun.

Zum Schluß soll noch eines gesagt sein, wichtig ist der Spaß an der Sache.

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